Raus aus dem Burnout - Der Fall des Herrn W.

Burnout - Ausgebrannt!
Burnout - Ausgebrannt!

 

Herr W. kommt nach einem ersten Telefonat in meine Praxis. Im Gespräch schildert er seine Situation folgendermaßen:

 

Herr W. ist 48 Jahre alt und Führungskraft in einem mittelständischen Unternehmen. Er ist für 50 Mitarbeiter verantwortlich und ca. 2 Tage pro Woche auf Geschäftsreisen.

Herr W. hat das Gefühl an Burnout zu leiden. 

Er muss täglich 80 Kilometer zu seinem Arbeitsplatz pendeln. Er ist ein sehr erfolgsorientierter Mensch, der sich selbst sehr viel abverlangt und die gleichen Anforderungen auch an seine Mitarbeiter stellt. Herr W. ist ein Freund klarer Worte, aber er könne auch Kritik gut wegstecken, so lange sie konstruktiv sei. Er liebt seinen Job und könne sich nichts Schöneres vorstellen als diesen auszuführen und es macht ihm Freude, seine Abteilung und das Unternehmen voranzubringen. In letzter Zeit habe er allerdings festgestellt, dass er sich in Teamsitzungen sehr leicht im Ton vergreife, laut werde und es immer häufiger zu Konflikten mit Mitarbeitern, aber auch seinem Vorgesetzten  komme. Das sei normalerweise gar nicht seine Art. Es sei ihm aufgefallen, dass alles an ihm hängen bleibe und er ständig die Kohlen aus dem Feuer hohle. Allerdings sei auch nur er in der Lage, diese Dinge perfekt zu erledigen und bevor er es einem seiner Mitarbeiter erkläre, der es dann auch nicht wirklich perfekt mache, erledige er es lieber selber. Er schläft inzwischen sehr schlecht, vor allem das Einschlafen bereitet ihm große Probleme. Häufig liegt er mehrere Stunden wach und ist am Morgen sehr erschöpft. Er leidet zudem auch an Magenschmerzen, Sodbrennen, Rückenschmerzen und von Zeit zu Zeit trinke er Alkohol nicht nur weil es ihm schmecke, sondern um zur Ruhe zu kommen. Manchmal hat er das Gefühl, dass ihm alles zu viel werde.

 

Im ersten Gespräch wird deutlich, dass Herr W. von sich aus kaum über private Dinge spricht. Auf mein Nachfragen entsteht folgender Dialog:

 

A.K.: Herr W. Sie haben ja sehr offen über Ihre Arbeit und auch die Dinge, die Sie belasten, gesprochen. Jetzt würde mich interessieren, was Ihnen privat Freude macht, wo tanken Sie auf, und mit welchen Menschen umgeben Sie sich gern?

 

Herr W.: (nach längerer Pause) Hmmm, ich habe gar nicht gemerkt, dass ich nur über die Arbeit gesprochen habe. Das ist bei mir zu Hause auch oft Thema mit meiner Frau. Stimmt,  die habe ich noch gar nicht erwähnt. Jetzt denken Sie sicher, dass ich Probleme mit meiner Frau habe oder es nicht gut läuft. Doch für mich ist sie der einzige Mensch, der mir den Rücken frei hält. Die nimmt mich so, wie ich bin. Und es gibt zwei sehr gute Freunde, allerdings habe ich in letzter Zeit sehr wenig mit denen unternommen.

 

A.K.: Woran liegt das?

 

Herr W.: Ich hatte einfach so viel zu tun und habe oft auch Arbeit mit nach Hause genommen. Und am Wochenende bin ich dann oft so erschöpft, dass mir alles zu viel ist. Auch mein Hobby, das Fahrrad fahren habe ich schon lange nicht mehr gemacht. Ich bin früher mit meiner Frau und auch meinen Freunden oft auf Fahrradtouren gewesen. Manchmal auch einfach nur am Abend eine kleine Runde. Ich liebe die Natur, das war schon immer ein wichtiger Ausgleich für mich und ich habe da auch immer so ein Gefühl von Ruhe und Kraft. Ich fühle mich sehr mit der Natur verbunden. Im Grunde genommen ärgert mich das Ganze auch. Aber ich weiß nicht wie ich das ändern soll.

 

A.K. Wenn ich Sie richtig verstehe, dann brauchen Sie mehr Zeit und mehr Energie?

 

Herr W.: (lacht) Ja genau.

 

An dieser Stelle kläre ich Herrn W. über die Burnout Spirale auf, in der er sich befindet. Er hat die Dinge, die ihm wichtig und eine Kraftquelle sind, zugunsten seiner Arbeit vernachlässigt. Das führte anfänglich dazu, dass er natürlich mehr Zeit für die Arbeit hatte. Langfristig kostet es ihn aber Energie, da er nicht mehr auftanken kann. Das ist ein ganz typischer Verlauf. Gott sei Dank hat Herr W.  bereits eine Menge Ressourcen und Kraftquellen, welche er nur vernachlässigt hat. Insofern gilt es, diese wieder zu reaktivieren. Schwieriger wäre es – und das ist gar nicht so selten – wenn er hier feststellen würde, dass er gar keine anderen Bereiche außer der Arbeit hat. Doch auch bei Menschen, die im ersten Moment keine Ressourcen und Kraftquellen zu  haben scheinen, lassen sich bei genauem Hinschauen jede Menge ungenutzter und unbeachteter Möglichkeiten entdecken. Zu den Ressourcen und Kraftquellen von Herrn W. zählen soziale Kontakte (Grundbedürfnis nach Bindung & Selbstwert), Sport und Bewegung (wirkt auf den Selbstwert & Körperliches Wohlbefinden) und die Natur (Verbundenheit & Sinn). Es gilt also diese Bereiche wieder zu reaktivieren, da sie ihm auch helfen, arbeitsbedingte Spannungen abzubauen (Sport und Bewegung, Natur). Natürlich hat Herr W. noch weitaus mehr Kraftquellen, wie man bereits jetzt sehen kann.

 

Da sich Herr W. sehr aufgeschlossen und interessiert zeigt, schlage ich ihm ein Experiment vor. Es ist Sommer und wir gehen hinaus in den Park. Ich gebe ihm die Anweisung, dass er im Abstand von 20 Metern hinter mir laufen soll. Er darf mich keinesfalls überholen, bestenfalls hält er den vorgegebenen Abstand ein. Er darf auch nicht sprechen und soll einfach beobachten, was er wahrnimmt. Sowohl außen, mit all‘ seinen Sinnen, als auch innen, was an Gefühlen, Gedanken und Empfindungen auftaucht. Wenn es ihm unangenehm werden sollte, und er es nicht mehr aushalten kann, dann kann er natürlich jederzeit „Stopp“ sagen.

 

 

Ich gehe also mit halber Schrittgeschwindigkeit los. Die Übung dauert 15-20 Minuten. Im Laufe der Übung verlangsame ich allmählich das Tempo.  Die letzten 5 Minuten gehe ich extrem langsam, im Zeitlupentempe, so dass ich zwischen den Schritten fast stehen bleiben könnte. Während der Übung verlasse ich auch den Weg und gehe durchs Gras, zwischen Bäumen hindurch. Ich beende die Übung, in dem ich mich auf eine Bank setze und Herrn W. mit einem Blick und einem Handzeichen bitte, sich zu mir zu setzen. ich lasse ihm Zeit anzukommen. Erstaunlicherweise ist Herr W. sehr weit hinter mir zurückgeblieben.

 

A.K.: Wie geht es Ihnen jetzt?

 

Herr W.: Ich habe mich schon lange nicht mehr so gut gefühlt. Das ist wirklich unglaublich!

 

A.K.: Was genau fühlt sich so gut an? Wo spüren Sie dieses gute Gefühl?

 

Herr W.: Mein ganzer Körper hat sich entspannt. Ich bin richtig glücklich. Am Anfang habe ich mich gefragt, was das soll, aber dann habe ich es einfach gemacht. Ich habe dann entdeckt, dass im Gras und auf den Blüten Bienen und Insekten sind. Und das hat mich unglaublich fasziniert, weil das ja immer da ist, und ich es oft einfach nicht sehe. Weil ich vorbei hetzte. Ja, dieser Gedanke war da. Und dann habe ich an meine Kindheit gedacht. Ich bin ja auf einem Bauernhof aufgewachsen. Da habe ich auch immer alles ganz genau beobachtet. Und ich habe es geliebt, im Heu herum zu tollen. Als wir dann vom Weg herunter sind und durchs Gras gelaufen sind, hätte ich am liebsten meine Schuhe ausgezogen.

 

A.K.: Was hat Sie daran gehindert es zu tun?

 

Herr W.: Ich hatte es mir erst wirklich überlegt. Aber dann habe ich mir gedacht „Das ist doch echt schräg. Zwei Typen im Schleichgang und einer zieht auch noch die Schuhe aus“ (lacht)

 

A.K.: (lacht) Ja, das ist tatsächlich schräg. Was halten Sie davon, wenn wir das jetzt mal gemeinsam machen?

 

Herr W.: Ja, sehr gern.

 

A.K.: Ich lade Sie nun ein, einmal ganz bewusst das Gras unter ihren Füßen zu spüren. Nehmen Sie einfach den Kontakt zum Boden wahr. (kurze Pause) Jetzt spüren Sie Ihren Körper, wie fühlt der sich im Moment an? (kurze Pause)  Beobachten Sie nun einen Moment lang Ihren Atem. Wie geht es Ihnen?

 

Herr W.: Hmm, das ist wirklich erstaunlich! Ich bin so ruhig. Das gibt mir auch ein Gefühl von Kraft.

 

A.K.: Wo genau spüren Sie dieses Gefühl von Kraft?

 

Herr W.: Hier vorne in der Brust und auch im Bauch.

 

A.K.: Gut, dann bleiben Sie ruhig noch einen Moment bei diesem Gefühl von Kraft. Wenn Sie mögen, können Sie auch eine Geste finden, die dieses Gefühl symbolisiert.

Herr W. legt seine Hände auf Bauch und Brust und atmet hörbar aus.

 

A.K.: Genau. Nehmen Sie wahr, was jetzt in Ihrem Körper passiert.

 

Herr W.: Mir ist auch vorhin bei dieser Übung klar geworden, wie wenig ich oft mitbekomme und wie sehr ich durchs Leben hetze. Das ist vor allem beim Essen so. Ich esse ja wirklich gern und ich koche auch gern. In letzter Zeit läuft das immer nebenher. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, dann wird mir klar, dass ich hier oftmals unglaublich unachtsam und überhaupt nicht bei dem bin, was ich tue.

 

A.K.: Woran merken Sie das?

 

Herr W.: Das ist mir fast ein bisschen peinlich. Ich bekleckere mich dann. Meistens merke ich es nicht einmal. Das fällt mir dann erst hinterher auf.  

 

Was Herr W. durch unsere Übung selbst für sich herausfindet und erkennt, muss oftmals durch längere Prozesse von den Klienten entdeckt werden. Manchmal braucht es diesbezüglich auch Anleitung oder Erklärung von Seiten des Coach. Herr W. findet neben alten Ressourcen einen Zugang zur Entschleunigung und damit auch zu seinem inneren Selbst. Zugleich werden ihm auch erste Warnzeichen für  seine Burnout-Spirale bewusst. Ich unterstütze und verstärke seine Wahrnehmung, indem ich die Prozesse und Reaktionen (Entspannung des Körpers, Durchatmen) bewusst aufgreife und ihm zudem ein Angebot zum Ankern anbiete (Geste, die das gute Gefühl unterstützt).

 

Nachdem wir wieder zurück in die Praxis gegangen sind, zeige ich Herrn W. ein  paar Techniken zur Meditation, Achtsamkeit und Entspannung, welche er im Alltag gut einsetzen kann. Für ihn bewähren sich die Herzkohärenztechnik und Achtsamkeitsübungen, wie langsames Gehen, langsames und achtsames Essen und achtsame Wahrnehmung in der Natur, bzw. im Alltag.Hierbei kann er sich zentrieren und  das Wichtigste ist hierbei die Alltagstauglichkeit. Es macht wenig Sinn, Entspannungsverfahren zu erlernen, die man nur in einer bestimmten Umgebung ausführen kann.

 

Zum Abschluss gebe ich Herrn W. folgende Frage mit: „Was ist wirklich wichtig in meinem Leben?“

 

Auch wenn dieser Fall sehr idealtypisch klingt, ist mir Herr W. in ähnlicher Form tatsächlich begegnet, und Teilaspekte eines Herrn W.  sind bei vielen Klienten bereits vorhanden, wenn sie zum Therapeuten oder Burnout-Coach kommen.

 

Wie es mit Herrn W. weiter geht, und welche spannenden Entdeckungen wir noch mit ihm machen können, lesen Sie im nächsten Blog.

 

Herzlichst Ihr André Kellner

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Regina Otto (Freitag, 11 April 2014 12:47)

    Hallo Herr Kellner,
    vielen lieben Dank für den sehr guten Bericht. Mit zeigt er, dass wir sehr oft Reserven haben, aber dennoch nicht wissen, wir damit umgehen sollen.. Es ist natürlich super, wenn die Probleme so leicht zu erkennen sind. Ich bin gespannt, wie es weitergeht und wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg mit Herrn W.
    Herzliche Grüße aus Eberswalde und bleiben Sie Gesund
    Regina Otto

  • #2

    Anton Dapont, Biohof Hausberg (Montag, 21 April 2014 09:26)

    Sehr geehrter Herr Kellner,
    ein sehr guter Bericht aus der Praxis. Genau das ist es was wir auch auf dem Biohof Hausberg machen. Rückbesinnung auf die Natur, einen Gang zurückschalten, Wahrnehmung mit allen Sinnen.
    Herzliche Grüße aus Niederbayern, Anton Dapont
    http://www.antondapont.com/burnout-praevention/