Jonas Teil 3 (Burnout und Trauma)

 

Heute kommt Jonas zu seiner 5. Stunde und er hat sich im Vergleich zu unserem ersten Gespräch bereits deutlich stabilisiert. Ein Grund dafür ist seine enorme Motivation, denn Jonas führt mehrmals täglich seine Übungen durch. In der heutigen Stunde berichtet er mir davon, dass er sich Vorwürfe wegen seines früheren Drogenkonsums macht.

Jonas hat Angst, dass er wieder Drogen nehmen könnte und zugleich gibt es auch eine Seite in ihm, die durchaus Lust darauf hat. Aus Sicht der der Gestalttherapie und der Ego-State-Therapie sind hier zwei sich widersprechende Ich-Anteile, zwei Polaritäten im Konflikt. Ein Teil ist sehr ablehnend, ja sogar abwertend in Bezug auf Drogenkonsum, ein anderer Teil hat es getan („Der Konsument“) und ist nach wie vor Teil des inneren Systems. Dieser Teil wird nun von dem „Drogenabwerter“ angegriffen. Zudem hat der „innere Konsument“ nach wie vor Lust Drogen zu nehmen – das ist Teil seiner Identität. Dass diese theoretischen Konstrukte jedoch auch einen Teil innerer Wirklichkeit des Patienten darstellen, zeigt die folgende Szene:

 

A.K.: Wie stark ist dieses Angstgefühl auf einer Skala von 0 bis 10?

 

Jonas: 8 bis 9.

 

A.K.: O.k., dann lass uns mal eine Runde klopfen. Du kennst das ja schon. Mach‘ einfach mal mit und beobachte während des Klopfens das Gefühl. Schau einfach wie genau es sich verändert. Und wenn Du einen besonders angenehmen Punkt findest, dann sag mir Bescheid. Manchmal kann sich während des Klopfens das Gefühl verändern, es wird vielleicht schwächer, manchmal sogar stärker. Oder es bekommt eine andere Färbung, eine andere Gefühlsqualität. Manchmal tauchen auch Gedanken auf, die mit dem Thema verbunden sind. Oder es wird Dir vielleicht etwas klar, was Dir vorher noch nicht so klar war. Das Spannende dabei ist, dass Du überhaupt nichts machen musst. Du beobachtest einfach nur.

Wir klopfen verschiedene Körperpunkte (z.B. PEP, M. Bohne 2010, 2011). Nach einer Runde ist sein Spannungslevel auf 3 gesunken.

 

A.K.: Wie geht es Dir jetzt?

 

Jonas: Viel besser. Mir ist jetzt auch etwas klar geworden. Damals war es in Ordnung für mich, dass ich die Drogen genommen habe. Aber heute nicht mehr und das macht mir Stress!

 

Dies ist eine wichtige Erkenntnis für ihn, die durch die bifokal-multisensorischen Stimulationen (BMSI, z.B. Klopftechniken) ins Bewusstsein „gespült“ wurde. Gar nicht so selten werden durch die Kombination von bifokal-multisensorischen Stimulationen (z.B. Körperklopfen) und der Fokussierung auf ein Thema, auch Erinnerungen ins Bewusstsein geholt, welche wichtige Erkenntnisse für das aktuelle Thema beinhalten. Ich habe es schon erlebt, dass verdrängte Inhalte und Schlüsselszenen beim Klopfen ins Bewusstsein traten, und somit den therapeutischen Verlauf enorm beschleunigen konnten.

 

An dieser Stelle wäre es nun, unter anderem, möglich mit den zwei widerstreitenden Anteilen zu kommunizieren, diese in Dialog miteinander treten zu lassen, sie auf Stühle zu setzen oder mittels des inneren Helferteams Kontakt aufzunehmen. Hier sind sehr viele Szenarien und Möglichkeiten denkbar. Ich entscheide mich an dieser Stelle für folgendes Vorgehen:

 

A.K.: Was genau sagt denn dieser Selbstvorwurf?

 

Jonas: Ich hätte schon früher mit den Drogen aufhören sollen. Und dass, das ganz schön blöd war.

 

A.K.: Sprich mir einfach mal nach und dabei kannst Du diesen Punkt hier sanft reiben (leichte Kreisbewegung in der Herzgegend): „Auch wenn ich mir immer noch Vorwürfe mache, dass ich früher ganz schön blöd war, liebe und akzeptiere ich mich so wie ich bin.“

 

Jonas: wiederholt den Satz zweimal.

 

A.K.: Wie fühlt sich das an?

 

Jonas: Etwas besser.

 

A.K.: Ok. Mach wieder mit: „Auch wenn ein Teil von mir damals auch richtig Bock darauf hatte, und ein anderer Teil mich aber heute dafür verurteilt, liebe und akzeptiere ich mich so wie ich bin.“

 

Jonas: wiederholt den Satz zweimal.

 

A.K.: Wie ist das?

 

Jonas: Ja! Genau! Das ist es. Ich hatte damals ja wirklich Bock drauf. Aber heute finde ich das nicht mehr in Ordnung. Ich weiß, ja was das alles für einen Ärger eingebracht hat.

 

A.K.: Gut, pass auf. Wir probieren den hier: „Auch wenn es damals völlig ok. für mich war Drogen zu nehmen, liebe und akzeptiere ich mich so wie ich bin.“

 

Jonas: wiederholt den Satz zweimal.

 

A.K.: Wie fühlt sich das an?

 

Jonas: Ja, das ist gut. Das beruhigt mich jetzt sehr. Mir hilft aber vor allem die Erkenntnis, dass es damals o.k. war. Ich habe jetzt nicht mehr dieses starke Gefühl in einem inneren Kampf zu sein.

 

Dies ist die sogenannte „Selbstakzeptanzübung“ aus der Prozess- und Embodimentfokussierten Psychologie (PEP) von Michael Bohne. In diesem Fall arbeiten wir am Big Five Nr.1, den Selbstvorwürfen und damit natürlich zwangsläufig auch am Selbstwert und der Selbstakzeptanz von Jonas.

 

In der 6. Stunde arbeiten wir mit inneren Bildern und einer leichten Trance weiter und besuchen den Sicheren inneren Ort. Dort befragt Jonas sein inneres Team, wie wir nun weiter vorgehen sollen und was der nächste Behandlungsschritt sein könnte. Die Antwort ist, dass wir den letzten, den aktuellen Autounfall bearbeiten sollen.

 

Hierzu schlage ich Jonas zwei Alternativen vor.

Er könne den Unfall und die Unfallszenen am Arbeitsort auf einem Flachbildschirm anschauen oder gemeinsam mit dem Adler über die entsprechenden Szenen hinwegfliegen (diese Technik habe ich von Kai Fritzsche aus der Ego-State-Therapie übernommen).

 

Jonas entscheidet sich für das „Darüberfliegen“. Hierbei hat er die Möglichkeit die Höhe und damit die Distanz zu der traumatischen Szene zu regulieren. Er hat einen Helfer (Adler=innere Weisheit) an seiner Seite und er kann außerdem auch steuern, wie schnell oder langsam er über die Szene hinwegfliegt. Er kann sich jederzeit Unterstützung von dem Adler holen, sich mit ihm absprechen oder gar zurück zum Arbeitsort kehren und sich dort mit seinem inneren Team besprechen.

 

Wichtig ist für die Konfrontation, dass der Anspannungs-/Stresslevel ein mittleres Niveau nicht überschreitet.

 

Diese Sequenz gelingt problemlos. Wir machen zwei Durchgänge. Dabei stelle ich Jonas folgende Fragen: „Was denkt der Jonas in dem Auto jetzt? Was fühlt er jetzt, was sieht er jetzt, was hört er jetzt, was riecht er, usw.?“ Dadurch helfe ich seinem Gehirn das traumatische Ereignis zu verarbeiten und als alte Erfahrung zu integrieren.

 

Zudem frage ich während der Konfrontation immer wieder seinen Spannungszustand ab, achte auf mögliche Veränderungen in seiner Atmung, Körperhaltung, Mimik, Körperspannung und beobachte meinen eigenen inneren Anspannungszustand der auch wichtige Informationen über den Spannungszustand des Patienten liefern kann.

 

Diese Intervention ist eine Möglichkeit den Verarbeitungsprozess traumatischer Geschehnisse in der Therapie zu unterstützen. Auch wenn es sich sehr leicht und einfach darstellt, sollte auch diese Art der Intervention immer in einen traumatherapeutischen Behandlungsplan, mit entsprechender Diagnostik, Beziehungsaufbau, Stabilisierungsphase, und dosierten Konfrontationen eingebunden sein.

 

Heute, fast 3 Jahre nach unserer ersten Begegnung, ist Jonas weiterhin stabil. Im Laufe unserer Therapie gab es mehrerer Krisen und auch Rückfälle, die Jonas von Mal zu Mal besser meistern konnte. Es gelang ihm seine Angst nicht mehr durch Drogen und Alkohol zu betäuben, sondern alternative Techniken der Spannungsregulation zu nutzen. Die alten, inneren Traumafilme (Flashbacks) sind nie wieder aufgetaucht.

 

Jonas zog von zu Hause aus, begann eine Ausbildung und baute sich eine neues Leben auf.

Heute hat Jonas zwar immer noch einige schlimme Erinnerungen an frühe Verletzungen und Wunden – aber sie bestimmen nicht mehr sein Leben! Heute bestimmt Jonas sein Leben.

Heute gestaltet er sein Leben.



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Herzlichst Ihr

André Kellner

„Gemeinsam Berge versetzen – Leben gestalten“



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